Fantasiereisen statt Ergotherapie

Posted by in Blog, Dein Haus der Fantasie, Entspannung für Kinder on 4. Juli 2016 0 comments

“Es tut mir leid, aber ich muss sagen, dass Ihr Kind auffällig ist.” Dieser Satz der Erzieher oder Lehrer lässt einen als Elternteil in ein Loch fallen, dass so unsäglich tief ist, dass man, wäre man in Australien wieder herausgekommen, gefühlt direkt weiter ins Weltall fallen würde. So schwerelos und bewegungsunfähig kommt man dann wieder zu sich und versteht im Ansatz, dass man ja immer noch vor dieser Person steht, die das eben gesagt hat. Und dann geht es los. Das Kind hört nicht, es ist laut, wild, will sich ständig mitteilen. Es ist nicht zu bändigen. Oder eben das Gegenteil. Es macht nicht mit, ist verschlossen, bringt sich nicht ein, zieht sich zurück, ist zu schüchtern. “Ich empfehle Ihnen da dringend eine Ergotherapie. Ich mache mir wirklich Sorgen um die weitere schulische Laufbahn, wenn wir das jetzt nicht in den Griff kriegen.”

Sicherlich gibt es Fälle, die Ergotherapie benötigen und bei denen eine solche Therapie hilft. Über diese Fälle spreche ich aber hier nicht. Es geht mir um normale Kinder, die wegen ihres wundervollen Freigeistes nicht in die Norm passen und sie dies früh spüren müssen, indem Ihre Art offenkundig therapiert werden soll! Meiner Meinung nach schürt dies nur ein Verhalten in der Gesellschaft, die negative Aufmerksamkeit anfeuert und positives Denken übergeht. Das ist etwas, das mich richtig nervt. Es ist cool, eine Diagnose zu haben. Es wird mit Interesse belohnt, wenn das Kind schon hier oder dort in Behandlung ist. Die Kinder bekommen dadurch schon früh mit, dass sie viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie etwas Therapierwürdiges haben. Das Interesse gilt zwar Ihrer persönlichen Art, jedoch weil diese unerwünscht ist!

Ja, Kinder sind auffällig. Sie lernen ja gerade erst, wie sie sich in der Gesellschaft am Besten benehmen, was Rücksicht heißt und wie sie sich ausleben können ohne anzuecken. Und bis dahin sind sie unbequem. Richtig anstrengend. In vielen Fällen sogar unerträglich nervig. Denn egal was Eltern oder Pädagogen sagen und egal was sie versuchen, die Kids entwickeln sich in ihrer eigenen Geschwindigkeit. Da hilft auch keine Ergotherapie. Der Groschen wird fallen. Irgendwann.

Das Einzige, was wir tun können, ist unsere Kinder bei diesem Weg zu unterstützen. Erklären, warum sie während des Unterrichts nicht stören sollen. Dass sie die Pausen zum Lautsein und Toben oder eben zum Lesen und Träumen haben. Wir müssen dran bleiben und nicht müde werden, sie zu unterstützen. Einfach für sie da sein. Wir können ihre Interessen fördern und ihnen den seelischen Ausgleich zum immer stärker leistungsorientierten Schulsystem schenken, den sie brauchen. Ganz ehrlich? Ich habe riesigen Respekt vor der Leistung unserer Kinder. Täglich gehen sie zur Schule und meistern die Tage mit deren Anforderungen auf mehreren Ebenen. Ich würde heute nicht mehr hingehen. Zum Glück bin ich erwachsen.

Wir Erwachsenen haben den großen Vorteil, dass wir uns unser Umfeld aussuchen können. Die Arbeitsstelle, wie oft wir uns zu Familienfesten begeben oder auch nicht, mit wem wir zusammen sein wollen und wie wir unsere Zeit einteilen (ok, viele Erwachsene wissen nicht, dass sie diese Freiheiten haben, doch das ist ein anderes Thema). Kinder hingegen haben keine andere Wahl. Sie MÜSSEN in die Schule, sich mit den Mitschülern auseinandersetzen, lernen, auf die Lehrer hören, sich in das System eingliedern und dabei auch noch gute Leistungen erbringen.

Ich beobachte dabei eine Entwicklung, die viele Erwachsene bereits mit schwerwiegenden Folgen durchlebt haben. Unsere tollen kleinen Individuen resignieren langsam aber sicher. Von allen Seiten kommt Druck. Drittklässler haben schon halbe Panikattacken, wenn sie daran denken, dass sie vielleicht keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen. Sie verlernen dabei, sich selbst zu fühlen und ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und diese zu stillen. Je größer sie werden, desto weniger haben sie Raum für sich.

Kein Wunder, dass es heute Burnout gibt. Erwachsene lernen in Therapien erst wieder, ihre eigenen Wünsche überhaupt zu erkennen, auf sich selbst zu hören, Gefühle einzuordnen. Ist ihnen doch von klein auf vorgeschrieben worden, was man wann zu tun hat. Eine Wohltat ist es dann, wenn sie durch Krisen, Notbremsen und Neuanfänge endlich zu sich finden und danach leben, was ihnen gut tut und sie glücklich macht.

Ich wünsche mir, dass unseren Kindern dieser Gang erspart bleibt. Ich wünsche mir, dass sie sich nie so weit verlieren. Hindernisse sind gut und wichtig und werden immer da sein. Doch sollen Kinder sie doch aus ihrer eigenen Erfahrung heraus überwinden und nicht automatisiert mit Entscheidungen, die sie aus dem Katalog der Erwartungserfüllung heraus fällen.

20160704_090947

Wir können versuchen, unseren Kindern in der wenigen Freizeit, die sie haben, Ruhe und Raum zu bieten. Dort können sie in Verbindung zu sich selbst bleiben.

Oft höre ich gerade bei hibbeligen Kindern, dass sie ausgepowert werden müssen. Solche Kinder bekommen Action in Form von Sportvereinen und Tobeparks. Ja, all dies hat seinen Sinn und seine Berechtigung. Das meine ich aber eben nicht mit Ausgleich. Denn dabei sehe ich dabei die Gefahr, dass ein Zu-sich-Kommen unmöglich wird. Zu verarbeitende Themen werden überblendet mit Aktivitäten, statt sie zu durchfühlen, zu bereden oder auch einmal emotional auszuhalten, um sie mit dem Herzen zu verstehen und einschätzen zu lernen. Aktivitäten sind die leichtere Variante, ein Problem anzugehen. Man muss ich nicht damit auseinandersetzen. Weder als Elternteil noch als Kind. Es ist eine Betäubung. Später wird ein Adäquat gesucht in Form von Nervenkitzel, Essen, Alkohol oder anderen Ersatzmitteln.

Ja, sich mit sich selbst zu beschäftigen ist schwierig. Doch ich bin der Meinung, dass dies ein sehr effektiver Weg ist, die Kinder für die große weite Welt zu stärken. Es ist eine Verantwortung die wir tragen. Und wir haben uns bewusst dafür entschieden. Den Aufwand, den wir im Lauten in Form von Bespaßung betreiben, wünsche ich allen Familien auch im Ruhigen. Und diese vermeintliche Ruhe, ist gehaltvoller, bunter und lauter als gedacht. Es ist die Fantasie! In ihr wird für die Realität geprobt. Sie ist das Trainingslager für das “wahre Leben”. Sie lehrt Souveränität und Selbstbewusstsein. Muße ist gesund und gerade in der heutigen Zeit sehr wichtig, sagt auch der Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther in einem Podcast von Deutschlandradio Kultur.

Wenn die Ruhe kommt, werden die Geister wach. Das stimmt. Und dann wird Raum geschaffen für alles Unverarbeitete. Das macht im ersten Moment nicht immer Spaß. Doch dies ist etwas, wovor man keine Angst haben muss. Vor allem nicht als Eltern. Ist der unangenehme Punkt überwunden, dass Nichtstun kein schlechtes Gewissen mehr macht, beginnt der Zauber. Ein Zauber, den unsere Kinder zu schätzen wissen, wenn Kreativität sich verselbständigt. Wenn sie keine Lust haben zum Geigenunterricht zu gehen, weil es gerade so schön ruhig und gemütlich ist und die Gedanken auf Reisen sind. Diese Momente sind so wertvoll! Diese Momente bringen die Kraft, beispielsweise das Gelernte aus der Schule unbemerkt zu verinnerlichen, weil das Gehirn in diesen vermeintlichen Pausen nämlich das Wissen vom Vormittag ganz nebenbei eine Ebene tiefer rutschen lässt. Diese Momente bringen Klarheit, weil beispielsweise der Streit mit dem Schulkameraden noch einmal durchdacht wird und mit Abstand in einem anderen Blickwinkel betrachtet wird oder auch besser besprochen werden kann.

Statt Gefühle zu übertünchen, werden sie gefühlt. Diese Bildung gibt es nicht in der Schule. Diese Bildung ist Heimarbeit. Fantasiereisen können ein Weg sein, zunächst aus dem Stress in die eigene innere Welt zu kommen. Diese ruhigen Momente sollten zur Gewohnheit werden, um die Zeit im Kindergarten und in der Schule gut zu meistern und die gewünschte Leistung zu erbringen. Geschichten bringen die Kinder an schöne Orte und regen sie an, selbst Bilder in ihrem Geist zu malen. So bemerken sie bald, dass sie nichts von außen brauchen, um innerlich reich zu sein. Ihr Selbstvertrauen wächst, weil nur sie diese wunderschönen Erlebnisse lenken. Eine Fantasiereise kann eine Tür sein. Sie öffnet sich und gibt das Innere frei. Dort können die Kinder sich ungehemmt bewegen, sich spüren und erleben, was immer wie möchten. Fantasiereisen sind eine Art der Meditation und auch der Tiefenentspannung. Diese Methoden wenden die erfolgreichsten Manager und auch Sportler unserer Tage an, denn sie haben verstanden, dass Leistung auch einen Gegenpol braucht, um erbracht werden zu können.

Wie wir unsere Kinder zur Ruhe bringen können? Am Allerbesten leben wir es Ihnen vor. Gönnen wir uns auch Ruhe, so dass sie es sehen können? Oder sehen sie uns nur arbeiten, aufräumen, putzen und geschäftig sein? Wir sind Vorbild. Wenn wir unseren Kindern zeigen, dass wir gut zu uns selbst sind, werden sie es verinnerlichen und auch gut zu sich selbst sein. Das wünschen wir uns doch für unsere Kinder, oder? Wir können eine Teezeit am Nachmittag zur Normalität werden lassen. Wir können eine dauerhafte Kuschelbude in der Wohnung bauen. Jede Familie kann das Passende für sich finden.

Wenn wir unseren Kindern beibringen, wie sie mit sich selbst allein sein können, Muße erfahren und Ruhe genießen, machen wir Ihnen eines der größten Geschenke für ihre Zukunft!

Beste Grüße aus Hamburg,
Sabrina Heuer-Diakow

Facebooktwitter