Warum die böse böse Langeweile gut für unsere Kinder ist

Posted by in Blog, Entspannung für Kinder on 30. Juni 2017 0 comments

Endlich Ferien! Im Sommer sogar richtig lange! Bei Eltern kommt da heutzutage richtig Stress auf. „Wie beschäftige ich nur meine Kinder?!“

Wenn wir ganz ehrlich sind, haben die wenigsten Familien in diesen Zeiten jemals Langeweile zugelassen. Sie haben keine Erfahrung damit. Sich nicht ständig mit dem Kind zu beschäftigen, ist allerhöchstens erlaubt, wenn ein Elternteil richtig flach liegt.  Die Werbung für Wick Duo Grippal zum Beispiel zeigt dies ziemlich gut auf und setzt Eltern unter Druck. „Mütter nehmen sich nicht frei – Mütter nehmen Wick DuoGrippal“. Was leben wir denn den Kindern damit vor? Opfert Euch auf! Hört nicht auf Euren Körper! Tut Euch nichts Gutes! Ich bin immer für Dich da – und zwar über mein eigenes Wohlergehen hinaus. Meiner Meinung nach ein sehr fragwürdiges Vorbild. Der erste Schritt ist also, dass wir Eltern uns erlauben, dass wir nicht die Bespaßungsmaschinen unseres Nachwuchses sind und auch, wenn wir gesund sind, sie ihrer eigenen Fantasie überlassen dürfen. Ich nehme an, das Kinderzimmer ist voll von geeigneten Unterhaltungsutensilien.

20170509_121034

„Mir ist so langweilig!“
Es ist nicht verwunderlich, wenn die Kinder nicht ins Selbstbeschäftigen kommen. Wie auch? Sie haben es nicht kultiviert, weil es in unserer Gesellschaft der Ferien(lern-)programme, Spieleparks und Beschäftigungskonzepte fast schon verpönt ist, wenn nicht jede freie Minute durchgeplant ist. Für die Ferien bedeutet das eine riesige Herausforderung. Doch diese können wir in eine wahre Chance verwandeln, die über das Ferienende hinausgeht. In den Ferien ist Zeit! Keine Verpflichtungen, keine wöchentlichen Kurse. Natürlich ist dies die Zeit für Urlaub und Familienausflüge, ganz klar! Doch gerade in den langen Sommerferien ist ein durchgehender Aktivitätenpegel nur mit viel Aufwand und Geld realisierbar. Mir geht es hier um die Zeiten zwischen den Ausflügen, Festen und besonderen Aktionen in den Ferien. Die ganz normale freie Zeit, in der Eltern sich auch weiterhin um die Arbeit, den Haushalt und auch um sich selbst kümmern müssen.

Was ist denn so schlimm an Langeweile?
Gar nichts! Langeweile ist sogar gesund – für den Körper und auch für die Seele! Denn aus Langeweile entsteht Kreativität. Statt ständig abhängig zu sein von äußerlichen Impulsen und Reizen, horchen wir in uns hinein und kommen selbst auf Ideen, was wir in diesem Moment brauchen oder wollen. Worauf habe ich Lust? Wie gehe ich ein bestimmtes Problem an? Wie war das noch in der Geschichte, die ich letztens gehört habe? Die Gedanken fließen. Erlebtes kann verarbeitet werden. Und wenn die Ruhe „zu doll“ wird, Mama und Papa einfach nicht dazu gebracht werden können, ein Alternativangebot zu machen, dann kommt plötzlich die Fantasie in Gang. Es ist nichts vorgegeben. Vergeudete Zeit? Nein. Diese Zeit mit diesen Gedanken und selbst ausgelösten Gedankengängen und Tätigkeiten lassen neue Nervenbahnen im Gehirn wachsen und machen schlauer. Ja, unsere Kinder werden beim Müßiggang schlauer.

Was tun, wenn der gefürchtete Satz „Mir ist langweilig!“ kommt?
In dem Artikel von Olivia Goldhill in dem Artikel „Psychologists recommend children be bored in the summer“ auf qz.com wird vorgeschlagen, dass zu Beginn der Ferien überlegt wird, was die Kinder gern machen würden. Zum Beispiel ein großes Bild malen, Fotos machen, sich verkleiden oder andere für das jeweilige Alter passende Dinge. Alles wird aufgeschrieben und zum Beispiel an den Kühlschrank gepinnt. Wenn dann die Eltern nach Aktivität angebettelt werden, können sie auf die Liste zeigen. Höchstwahrscheinlich kommen sowieso ganz neue und eigene Ideen aus der Langeweile heraus zum Vorschein. Nach spätestens einer Woche haben sich die Kinder daran gewöhnt, sich auf sich selbst zu verlassen und erfinden die tollsten Spiele! Und das Wahnwitzigste an der Sache ist: die Langeweile ist weg!

Sich alten Mustern und Erwartungen entgegensetzen
Die zweite große Herausforderung bei diesem Satz ist, dass wir uns selbst bremsen, direkt eine Alternative anzubieten. Wir sind es gewohnt, nach Angeboten zu suchen, damit unsere Kinder Input haben. Dabei erreichen wir oft diesen Punkt gar nicht, an dem das Kind beginnt, sich mit sich selbst oder allein mit seinem Spielkameraden zu beschäftigen und eigenen Ideen zu entwickeln. Weil ja sonst ständig eine Option von den Eltern bestand. Natürlich schaffen wir den Rahmen, indem wir Bastelmaterial anbieten, Raum schaffen und Möglichkeiten aufzeigen. Doch wir müssen beispielsweise nicht immer dabei sein, Schablonen ausschneiden und zeigen, wie denn jetzt gebastelt werden muss. Wir können einfach mal vertrauen, dass unsere Kinder mit der Zeit eigene Ideen entwickeln und Spaß daran finden. Bis es soweit ist, müssen auch wir diese fast unerträgliche Spannung des vermeintlich bösen Nichtstuns aushalten. Das kann hart werden, lohnt sich aber. Wir sind ja trotzdem für unsere Kinder da. Nur eben nicht als Animateur.

Der Druck von außen
„Und was habt Ihr am Wochenende gemacht?“ Oh, wenn dann das Wort „Nichts.“ als Antwort kommt, kennen sicher einige von uns den Gesichtsausdruck, der uns dann gegenübersteht. Nichts?! Aber das geht doch nicht! „Naja, nichts stimmt ja auch nicht. Wir sind unseren Gedanken nachgehangen, haben die Sonne durch die Blätter der Bäume scheinen sehen, als wir auf der Wiese lagen. Die Kinder haben in ihrer Fantasie ein ganzes Epos erschaffen mit Figuren, die sie selbst gebastelt haben.“ Diese Antwort wäre für unser Gegenüber so unglaublich! Denn „Wir waren im Freizeitpark, dann beim Schwimmen und es gab so ein tolles Sommerfest, da waren wir auch noch. Ich bin total fertig!“ klingt einfach hipper. Der gesellschaftliche Druck, unseren Kindern etwas bieten zu müssen, ist enorm. Es scheint an Verwahrlosung zu grenzen, wenn nicht jeder Tag durchgetaktet ist.  Ich bin sicher, wir bieten mit weniger unseren Kindern viel mehr, als wir uns vorstellen können. Raum zur Persönlichkeitsentwicklung aus sich selbst heraus. Jede Familie verdient Entspannung und ein schönes Miteinander – vor allem in den Ferien. Dies können wir uns mit ein wenig Umdenken selbst erschaffen.

Facebooktwitter